Zeit ohne Zweck - was wir von Schweden über Balance lernen können
- Marion Fleissig
- 23. März
- 2 Min. Lesezeit
In Schweden ist es nichts Ungewöhnliches, sich bewusst Zeiträume im Alltag zu schaffen, in denen nichts getan werden muss.

"Zeit ohne einen Zweck" oder wie es Astrid Lindgren einst formulierte: "Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und und vor sich hinzuschauen." Als meine schwedische Interviewleinehmerin im Zuge meiner Masterarbeit sehr klar formulierte, wie sie ihre Tage und Wochen strukturierte, war ich durchaus beeindruckt von ihrer Aussage, dass sie sich aktiv Zeit plane, in der sie nichts tut. Die Schweden nennen das: "einfach sein".
Wann hast du dir zuletzt bewusst Zeit genommen, in der nichts passieren musste, außer vielleicht aus dem Fenster zu schauen und einfach da zu sein?
Wenn du diesen Gedanken einmal weiterdenkst, entsteht vielleicht ein Gefühl von Ruhe. Vielleicht aber auch Irritation. Denn dieser Gedanke steht in einem deutlichen Kontrast zu dem, wie wir unseren Alltag erleben.
Unser Alltag ist in vielen Bereichen durch Struktur, Anforderungen und Zielorientierung geprägt. Zeit wird geplant, effizient genutzt und häufig auch optimiert. Selbst Phasen der Erholung sind nicht selten funktional eingebunden, als notwendiger Ausgleich, um langfristig leistungsfähig zu bleiben. Aus psychologischer Perspektive ist das zunächst nachvollziehbar. Wir sind darauf ausgerichtet, Ziele zu verfolgen, Aufgaben zu bewältigen und unser Leben aktiv zu gestalten. Gleichzeitig kann auch genau diese permanente Ausrichtung an Zweck und Ergebnis dazu führen, dass ein wichtiger Aspekt in den Hintergrund rückt: das bewusste Erleben des Moments.
Zeit ohne Zweck steht diesem Muster bewusst entgegen. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, etwas zu erreichen oder zu verbessern. Vielmehr öffnet sie einen Raum, in dem Wahrnehmung wieder breiter werden darf, für Gedanken, für Gefühle, für das, was gerade ist.

In meinen Interviews wurde gerade das immer wieder deutlich: Diese Form von Zeit wird nicht als "Leerlauf" verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil eines stimmigen Alltags. Vielleicht liegt genau darin ein entscheidender Unterschied: Balance entsteht nicht nur durch das richtige Maß an Aktivität, sondern auch durch Räume, in denen nichts passieren muss.
Ein zentraler Gedanke meiner Arbeit ist Balance. Nicht im Sinne von "alles gleich viel", sondern als stimmiges Verhältnis zwischen unterschiedlichen Anforderungen, Rollen und inneren Bedürfnissen. Zeit ohne Zweck ist dabei kein Gegenpol zu einem aktiven, gestalteten Leben, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon. Gerade in diesem zweckfreien Momenten zeigt sich, wie gut wir mit uns selbst in Kontakt sind. Zeit ohne Zweck berührt zentrale Aspekte von Selbstregulation, Bedürfniswahrnehmung und innerem Abstand. Sie schafft einen Raum, in dem wir nicht unmittelbar reagieren müssen, sondern wahrnehmen können, was gerade da ist und was vielleicht zu kurz kommt.
Gerade in Phasen hoher Verantwortung oder komplexer Entscheidungen kann genau dieser Abstand entscheidend sein. Nicht, um sich zurückzuziehen, sondern um wieder klarer zu sehen, was wirklich relevant ist. In diesem Sinne ist "einfach sein" kein Stillstand. Es ist eine Form
Eine Frage an dich:
Wann in deinem Alltag entsteht Raum, in dem nichts passieren muss? Und, was verändert sich, wenn du ihn bewusst zulässt?



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